Harbach historisch – Geschichte(n) rund um das Dorf

Harbach historisch – Geschichte(n) rund um das Dorf

heute: Ein UNESCO-Kulturerbe in Harbach

Liebe Leser, entgegen unserer kleinen Gewohnheit wollen wir heute einmal nicht in einer verstaubten Mottenkiste kramen, um uns eines historischen Themas anzunehmen, sondern uns bei einem kleinen Gang durch das Dorf auf eine besondere Entdeckungstour machen. „Harbach auf den zweiten Blick“ mag unser Motto lauten, denn das, was wir uns bewusst anschauen möchten, dürfte nur wenigen Harbachern geläufig sein.

Ziel unserer Exkursion sind zwei Stellen im Dorf, an denen sich tatsächlich ein UNESCO-Kulturerbe befindet. – „Alleweil iss‘r iwwergeschnappt!“ mag nun der eine oder andere Leser denken. Doch – zumindest für diese Geschichte hier – weit gefehlt!

Gemäß eines Beschlusses der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung Wissenschaft und Kultur) erstellt die deutsche UNESCO-Kommission seit einigen Jahren eine „Liste des immateriellen Kulturerbes für Deutschland“. Hierunter werden besondere kulturelle Ausdrucksformen, wie Tänze, Musik, Bräuche, Theater, Feste aber auch Handwerkskünste und -techniken umfasst, die unmittelbar durch menschliches Wissen und Können getragen und seit Generationen weitergegeben werden.

In dieser Liste sind derzeit für Deutschland 88 Positionen aufgeführt (Stand 2018), die allesamt regional prägend und mit langer Tradition verbunden sind. Hierunter finden sich z.B. immaterielle Dinge wie die 400 Jahre alten Passionsspiele von Oberammergau, die schwäbisch-alemannische Fastnacht oder die traditionelle Handwerkskunst des Reetdachdeckens in Norddeutschland.

2016 wurde auch der sogenannte „Hessische Kratzputz“ in die Liste aufgenommen. Hierunter versteht man die handwerkliche und gestalterische Technik des Verzierens von Fachwerkfassaden, die einer langen Tradition folgend bis in das 17. Jahrhundert zurückgeht.

Ganze Hauslandschaften, heute fast nur noch in der Schwalm und dem „Hessischen Hinterland“ bei Marburg erhalten, waren von Gefacheputzen (Gefache sind die Flächen zwischen einzelnen Fachwerkbalken) geprägt, die mit Darstellungen von Figuren, Blumen, Symbolen und verschiedenen reliefartigen Strukturen versehen waren. Die Darstellungen selbst wurden in verschiedenen althergebrachten Handwerkstechniken in den feuchten Lehm- oder Kalkputzgrund der Gefache eingeritzt, eingestempelt, mit Nagelbrettern, Reisigbündeln oder sonstigen Werkzeugen einmodelliert.

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg waren diese Verzierungen im gesamten Oberhessen flächendeckend anzutreffen. Doch das Bild unserer Dörfer, unserer Fachwerkhäuser und Scheunen, hat sich stark gewandelt, so das der Hessische Kratzputz insgesamt von der UNESCO-Kommission als „selten und gefährdet“ eingestuft wird. Zudem gibt es nur noch sehr wenige Handwerksbetriebe, die solche Verzierungen herstellen können.

Im Landkreis Gießen sind historische Formen des Hessischen Kratzputz nach jetzigem Stand der Inventarisierung durch Mitarbeiter der Fortbildungseinrichtung der Denkmalpflege, der Propstei Johannesberg bei Fulda, offenbar nur noch in Hungen-Rabertshausen und bei uns in Harbach anzutreffen!

Blicken wir in einen Bericht des ehemaligen Harbacher Lehrers Karl Söhngen (1902-1978), der in der in der lokalhistorischen Beilage des Gießener Anzeigers, „Heimat im Bild“ Nr. 50, 16.12.1935, einen längeren Artikel über das Vorkommen des Hessischen Kratzputzes in Harbach verfasste, so stellen wir anhand der Fotos fest, dass viele Häuser und auch Scheunen im Dorf mit dieser Art der Verzierungen versehen waren. Im Gegensatz zu den Regionen in der Schwalm oder dem Hinterland, in denen sehr aufwendige naturalistische Darstellungen vorherrschen, waren die bei uns im Dorf anzutreffenden Motive deutlich abstrakter. Man möchte auf dem ersten Blick von naiv und wenig kunstfertig sprechen – doch genau das möchte ich in Frage stellen. Wenn man sich z.B. im Freilichtmuseum Hessenpark oder einer einschlägigen online-Videoplattform über die aufwendige Technik der Herstellung informiert, so gewinnen auch abstrakte Motive an Wertschätzung und Achtung.

Abstrakte und vereinfachte Darstellungen scheinen für die Grünberger Gegend typisch gewesen zu sein und mögen damit auch lokal überlieferte Motive, örtliche Geschmäcker oder persönliche Vorlieben von Handwerkern und Bauherren zeigen.

Mangels schriftlicher Quellen ist man heute bei der Interpretation der Bedeutung der Motive eher vorsichtig. Ob vereinzelten abstrakten Darstellungen einem überlieferten Volksglauben nach auch eine bestimmte Aussage, z.B. ein Feuerschutz, Schutz vor Krankheiten, der Darstellung des Kreislaufs des Lebens etc. zugesprochen werden kann, wird heute, im Gegensatz zur ideologisch-völkisch hinterlegten Interpretation der 1930er Jahre, zurückhaltender bewertet. 

Wo aber sind nun diese besonderen Kratzputze in Harbach zu finden?

Wir beginnen unseren kleinen Spaziergang an der Kirche und schlagen unterhalb des Gotteshauses den Weg in östliche Richtung entlang des kleinen Schotterwegs in Richtung „Lichthäuschen“ ein. Gegenüber von uns befindet sich die sogenannte „Schulscheune“ (Familie Schäfer), auf deren östliche Wand wir unseren Blick nun fokussieren. Die Darstellungen lassen eine Interpretation zu, wir sehen u.a. geometische Formen, eine Spirale und womöglich einen Engel.

In Bezug auf das vermutliche Alter ist festzustellen, dass das ehemalige Harbacher Schulgebäude (heute Familie Schäfer) in der Kirchgasse den Aufzeichnungen von Karl Söhngen nach 1848 errichtet wurde. Das Balkenwerk kaufte die Gemeinde dafür in Kestrich. Es stammte von einem Haus, welches seinerseits im Schenck’schen Park an der linken Straßenseite nach Stumpertenrod gestanden hatte und abgebrochen wurde. Mit Ochsen- und Pferdegespannen wurden die Eichenbalken aus dem Vogelsberg nach Harbach geschafft. Was für eine Arbeit und Leistung! Mit dem Bau des Schulgebäudes dürfte wohl auch die Errichtung der Scheune und damit deren Kratzputzverzierung einhergegangen sein, so dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Alter von ca. 170 Jahren annehmen dürfen.

Die zweite verzierte Fachwerkwand liegt deutlich versteckter und ist nur vom privaten Grundstück der Familie Ihle in der Hattenröder Straße aus zu sehen. Wir fragen also die Hausherren und erhalten die freundliche Zustimmung, den Hof betreten dürfen, um uns einmal die Ostwand der ehemaligen Scheune des Anwesens Stark (heute Allmang) betrachten dürfen. Auch an dieser Wand sind einige abstrakte Motive in der Lehmoberfläche des Gefacheputzes zu entdecken. Zentrales Bild ist die abstrakte Darstellung eines „Bäumchens“, welches in seiner Art dem Bäumchen auf dem in einem anderen Artikel erwähnten Feierabendziegel des Heinrich Buchner ähneln mag und auf dem Foto oben zu erkennen ist.

Zum ehemals Stark’schen Innenhof hin, also an der Westseite der genannten Scheune, war in einem Gefach bis vor einige Jahre noch die Jahreszahl „1864“ vollständig zu lesen. Insofern liegt der Schluss nahe, dass auch die auf der Ostseite der Scheune befindlichen Kratzputzmuster in jenem Jahr entstanden sein könnten.

Zwei Scheuen – zwei Abschnitte historischen hessischen Kratzputzes, die somit mit hoher Wahrscheinlichkeit seit rund 160-170 Jahren in ihrer Originalität in unserem Dorf bestehen und nicht verändert oder zerstört wurden! Ich weiß nicht, wie es Euch geht? Jedes Mal wenn ich mir ein wenig Zeit nehme, um diese besondere Verzierung zu betrachten und gedankenversunken neue Details zu entdecken, schwingt auch eine deutliche Spur Ehrfurcht vor dem alten Handwerk und den Menschen, die es einst ausübten mit. Was würden diese alten Verzierungen alles erzählen, wenn sie reden könnten?

Und auch wenn niemand der heutigen Bewohner unseres Dorfes zur Entstehung dieser historischen Verzierung beigetragen hat, so dürfen wir dennoch ein wenig stolz darauf sein, dass sich dieses für den Landkreis Gießen als äußerst seltenes Erbe zu bezeichnende Kulturgut just bei uns im Dorf erhalten halt.

Ich wünsche mir bei solchen Überlegungen immer, dass der in Harbach befindliche Hessische Kratzputz als Teil des immateriellen Kulturerbes unseres Landes im Ort geschätzt wird und noch möglichst lange erhalten bleibt. Nun aber viel Spaß bei Eurer eigenen Entdeckungstour!   

Euer

Sven Schepp